HELENE MEIER

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CORPUS


Die drei Arbeiten der Werkreihe „Corpus“, welche uns Helene Meier hier vorstellt, sind so unterschiedlich wie eigenwillig, teils verstörend, teils unkonventionell. Körper erscheinen hier wenig natürlich, eher surreal, fast morbid. Sie sind hier zugleich Hüllen oder Projektionsflächen, die vielfältigen äußeren Einwirkungen - ob physisch, mechanisch oder in Form von Erwartungen oder Blicken - ausgesetzt sind. Dabei bleibt Helene Meier allerdings nicht stehen, sondern stellt immer auch Fragen nach dem Verhältnis von Darstellungskonventionen, Formaten und Materialitäten in der Kunst, die sie nur scheinbar beiläufig, eher gekonnt einfließen lässt. Da ist zum Beispiel diese Art Pinn, der auf einem nach oben strebenden Körper sitzt. Während letzter selbst uneindeutig, fast abstrakt bleibt, erscheint im Gegensatz dazu der etwas surreale Pinn klar als Fremdkörper. Er erinnert zunächst an jene Pinns, wie sie als Erinnerungsstützen an Wände geheftet werden. Aber die Art wie dessen Unterteil hier in Form von artifiziellen, maschinenhaften Roboter- beinchen sich gleichsam übergriffig des Körpers bemächtigen - fast schon Krallen gleich, sich bald in diesen hineinbohrend - weckt andere Assoziationen, lässt gar an Destruktion denken. In dieser Drastik wird er dann auch eher zum Marker oder Ausrufezeichen. So besehen ist es ein deutlicher Verweis auf seine von außen einwirkende, begrenzende Wirkung auf den nach rechts oben strebenden Körper, der zumindest eben noch in Bewegung gewesen zu sein scheint. Das erinnert gar an die Begrenztheit des modernen (zuletzt durch Technik erhofften) Autonomie- versprechens, der grenzenlosen Steigerung und permanenter (Selbst) Optimierung. Klarer ist die darunter liegende Auslassung, welche den Blick auf die Leinwand freigibt. Sie macht das Bild selbst wie die Malerei überhaupt als Täuschung sichtbar. Dieses Motiv findet sich (leicht variiert) auch in der zweiten Arbeit wieder, einem in mehrfacher Hinsicht bemerkenswerten Oberkörperportrait. Auch hier ist der dargestellte Körper alles andere als intakt und unversehrt, gar makellos oder perfekt. Da sind zum einen die Brüste, die trotz gewisser Prallheit, nach unten hängen und so an Vergänglichkeit oder zumindest an deren Funktion als Nahrungs- quelle erinnern. Hinzu kommt das seltsame Verdecktsein von Kopf und Gesicht, bei dem vor allem der angedeutete, wie zum Schrei geöffnete Mund, die Haltung des „Kopfes“ sowie die nach schräg oben über den Bildrand auslaufende Spitze einen surrealen Eindruck hinterlassen. Diese Spannung lässt an heutige Körper denken, als ständig zu optimierende (auch digitale) Oberfläche und so nicht zuletzt an Manipulierbarkeit oder gar konsequente Zurichtung, um der permanenten Inszenierung willen. Vom Ausgeliefertsein und Gegensätzlichen handelt auch die dritte Arbeit. Der abgebildete weiche Schoß der Frau scheint hier zunächst einem voyeuristischen Gegenüber, das in Form und Farbe ganz Gegensatz ist, ausge- liefert. Tatsächlich handelt es sich dabei jedoch um die Projektion einer Fotografie auf eine Leinwand, die, statt Malgrund zu sein, als Projektionsfläche genutzt wird und auf der das Bild leicht und durchscheinend liegt, fast zu vibrieren scheint. Die Anordnung der Installation erlaubt den Blick von oben, bei dem ein zwar dreidimen- sionales, aber so besehen an Malewitsch erinnerndes „schwarzes Quadrat“ in seiner kräftigen Farbe und scharfen Kontur dem zarten und weichen Schoß nicht nur gegenüber steht sondern diesen gleichsam hervorbringt. Indem Helene Meier auch hier mit den Formaten und Stilen sowie Zitaten aus der Kunstgeschichte spielt, entsteht nicht nur dieses Weiche und Zarte vor unseren Augen, sondern scheint - betont durch die Technik - nicht existent, rein immateriell, sprich schlicht Projektion zu sein: eine Projektion von Wünschen und Vorstellungen.

René Bienert